Adler 1911: Abwendung von den Absurditäten der Freudschen Theorie

Ess-Sucht – der Sog-Druck-Mechanismus oder: wenn aus Sog SUCHT wird.
3. September 2018
von Markus Jensch
Vor gut hundert Jahren begann der Bruch zwischen Freud und Adler offen zutage zu treten. Schon sechs Jahre lang trafen sich jeden Mittwochabend eine wachsende Zahl von Ärzten und Pädagogen in der Berggasse 19 im Wartezimmer der Praxis von Sigmund Freud und diskutierten bei Kaffee und Zigarren über neue Erkenntnisse der Tiefenpsychologie.

Freud lud 1902 vier Kollegen ein, sich zu einer solchen Mittwochabend-Gesellschaft zusammenzuschließen. Adler erhielt eine Postkarte von Freud in der dieser ihn bat: „Werden Sie die Güte haben, sich uns anzuschließen? ... ich erwarte Ihre freundliche Antwort, ob Sie kommen möchten und ob Ihnen dieser Abend passend ist“(1).

Mit Adler waren die Ärzte Kahane, Stekel und Reitler als Gründungsmitglieder eingeladen. Adler sollte bis zu seinem Tod diese Postkarte als Beweis dafür mit sich tragen, dass er weder ein Schüler Freuds war, noch seine „rechte Hand“ – wie später immer wieder kolportiert wurde.

Adler (*1870), 14 Jahre jünger als Freud, hatte schon als junger Arzt einen engen Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit festgestellt. 1898 schrieb er ein „Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe“ (2). Giftige Farbstoffe und lange Arbeitszeit in schlechter Haltung machten dem Berufsstand zu schaffen. Adler forderte in seinen Ausführungen Versicherungen für die Arbeitnehmer, max. Wochenarbeitszeit und das Verbot von Akkordlöhnen. Es sollte sein lebenslanges Anliegen werden, sich für eine soziale Medizin und für Prävention einzusetzen.

Freud war auf Adler zugegangen, weil er ihm als ein mutiger, fähiger und Kreativer Geist aufgefallen war. Adler hatte großes Interesse an Freuds mutigen Thesen über das Unbewusste. Zwei konträre Charaktere hatten sich zusammengefunden. Sie arbeiteten an einer neuen psychologischen Medizin – jedoch, wie sich später herausstellen wird, mit sehr unterschiedlichen Wertvorstellungen und politischen Grundpositionen.

Freud war der gebildete, belesene, trockene Intellektuelle – ein eher konservativer Freidenker. Adler dagegen war der „Gassenbube aus der Wiener Vorstadt“ wie Freud ihn später herabsetzend nannte, weil Adler lebenslang den breiten Dialekt des Wiener Vorortes Hernals sprach. Freud war der brillante Schriftsteller, der seine umfassende Bildung literarisch verarbeitete. Adler war der sozialistische Revoluzzer, der unter dem Pseudonym Aladin die herrschende Lehrmeinung attackierte. Mit dem Schreiben hatte Adler sonst seine Schwierigkeiten. Er war Meister des fesselnden Vortrags. Viele seiner Artikel und Bücher sind Mitschriften seiner Vorträge – oft mühsam redigiert von fähigen Kollegen.

Freud sah sich als Wissenschaftler, der nur ungern als Arzt arbeitete. So war es nur logisch, dass er seine Patient*innen auf die Couch legte und sich selbst außer Sichtweite dahinter setzte, weil er es hasste, dauernd angestarrt zu werden (wie er es später einmal formulierte). Adler war der warmherzige, volkstümliche Arzt, der seinen Beruf ausgesprochen gerne ausübte. Adler nahm meist geringes Honorar oder arbeitete gar kostenlos, wenn sich seine ärmeren Patienten eine Behandlung nicht leisten konnten. Er nahm - seinen Patienten gegenübersitzend - auf einem Stuhl Platz, so dass er sie immer anschauen und beobachten konnte.

Freud war der Einser-Schüler und –Student, Adler blieb schon früh in der Schule sitzen und absolvierte die Schule mit „genügend“. Auch für die Uni tat er nur das Nötigste und versagte im Rigorosum in der Augenheilkunde, die er später mit „genügend“ bestand. Freud gelang es, eine Professur an der Wiener Universität zu erlangen – was Adler versagt blieb. Seine Habilitations-Schrift „Über den nervösen Charakter“ (3) wurde abgelehnt.

Freud war der Erstgeborene und hatte auch später immer den Anspruch, Erster sein zu wollen. Adler war Zweitgeborener. Sein älterer Bruder dominierte ihn sehr lange Zeit und galt immer als Vorbild. Als wäre es ein Wink des Schicksals, hieß dieser Vorbild-Bruder ausgerechnet Sigmund. Adler wurde von seinem Vater verzärtelt: Alfred hatte eine schwächelnde Atmung, und nachdem sein drei Jahre jüngerer Bruder Rudolf im Alter von einem Jahr - neben Alfred liegend - verstarb, war die Sorge um den kleinen Alfred umso größer.

Es kann kein Zufall sein, dass Alfred Adler später das „Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes“ (4) betonte und dass er den Minderwertigkeitskomplex in den Mittelpunkt seiner Theorie stellte.

Die Kompensation und das Überlegenheitsstreben passen ebenfalls hervorragend in den Lebenslauf Adlers, der sich bis zu seinem Tod im Schatten des übermächtigen Sigmunds empfand – auch wenn er seinen großen Bruder später – objektiv gesehen – überholen sollte: Der Stachel saß von Anfang an tief und gab den Ansporn für sein Streben nach Überlegenheit.

Freud erarbeitete sich zielstrebig seinen ersten Platz im Elfenbeinturm der Wissenschaft, indem er ein noch unbesetztes Randgebiet der Medizin bzw. der Psychologie besetzte. Er spielte mit dem Reiz der allmächtigen (weil unterdrückten) Sexualität und baute darauf sein einseitiges Wissenschaftsgebäude auf, was - genau besehen – weniger „wissenschaftlich“ als grandios erdacht war. Adler, der Sozialist, stellte Freuds Thesen zunehmend in Frage, indem er sein sozialmedizinisch geprägtes Gedankengut in provokanter Manier entgegenstellte. Schon lange vor seiner Begegnung mit Freud hatte er auf die miserablen Arbeitsbedingungen im Schneiderhandwerk hingewiesen. Und bereits 1902 – noch vor der Begegnung mit Freud – geißelte er die „privatkapitalistische Wirtschaft“...als ... „das Massengrab der Säuglinge“ (5). Adler klagte u.a. die industrielle Ernährung der Kinder an (z.B. die viermal höhere Sterblichkeit der Säuglinge, die mit Kuhmilch ernährt werden, gegenüber den „Brustkindern“ – 100 Jahre später ist diese Erkenntnis so aktuell wie damals!).

Freud wollte im Kreis seiner Mittwochabendgesellschaft der Boss sein: Er erwartete Huldigung und totale Unterordnung unter seine z.T. gewagten Thesen. So erwartete er, dass alle Psychoanalytiker bedingungslos anerkannten, dass der Ödipuskonflikt als einziger Auslöser aller Neurosen anzusehen war. Als Adler (1909) in einem Referat (gehalten im Rahmen der Mittwochabend-Gesellschaft) – nicht zum ersten Mal – mit seinen Thesen in stichelnder Manier „Zur Psychologie des Marxismus“ sprach, platzte Freud fast der Kragen. Doch er gab sich ruhig und ersann eine List, mit der er Adler ins offene Messer laufen ließ.

Freud brachte den inzwischen angesehenen Züricher Psychiater C.G. Jung ins Spiel, den er seit 1907 zu seinem Kreis zählte. 1910 gründete er - mit Jung als ständigem Präsidenten – die Internationale Psychoanalytische Gesellschaft. „Ihr seid Juden, werdet angefeindet. Die Schweizer werden mich, uns alle retten“ (6). Andererseits wusste Freud, dass Adler eine bedeutende Rolle in der Wiener Vereinigung spielte: Die Pragmatiker, insbesondere die Pädagogen unter ihnen standen eng an Adlers Seite. „Die Wiener sind persönlich ungezogen, wissen aber sehr viel...“ (7) und weiter meinte Freud, dass die „rechtschaffene Konkurrenz zwischen Wien und Zürich“ (7, ebenda) der Sache nur nützen wird.

Jung, der Arier im Dunstkreis des angesehenen Züricher Professors Bleuler, musste sich die Klagen Freuds über den renitenten Widersacher Adler immer häufiger anhören. Von Adler stammte der Ausdruck, dass man dem Patienten „in die Suppe spucken“ müsse – das tat er immer häufiger am Tische Freuds. Zwischen 1910 und 1911 spitzten sich die Auseinandersetzungen zwischen Adler und Freud immer mehr zu.

Adler machte das Minderwertigkeitsgefühl als treibende Kraft für die Entwicklung einer Neurose verantwortlich. In einem Vortrag sagte er – als Seitenhieb auf Freud – dass der „männliche Protest“* (so hieß das Minderwertigkeitsgefühl zu dieser Zeit noch) das Kernproblem der Neurose sei. Und weiter stichelnd, als wolle er damit seinen Rauswurf provozieren, meinte Adler, dass hinter der Sexualität viel wichtigere Beziehungsaspekte stünden: Der Sex sei nur eine Triebverschränkung.

Freud beklagte sich bei Jung, Adler sei paranoid und für die Bewegung bedrohlich. Adler sei ein vor Ehrgeiz Wahnsinniger (Gay, S.255). Weiter schrieb er: „Ich betrachte mich nun als den Vollstrecker der Rache der beleidigten Göttin Libido“.... und ...“dass ein Psychoanalytiker dem ICH so aufsitzen könne, hätte ich nicht erwartet. Das Ich spielt doch die Rolle des dummen August im Zirkus...“ (McGuire... S.178). Dreißig Jahre Später sollte Freud dem ICH eine besondere Rolle in seiner Instanzenlehre einräumen!

Jung war wohl ein wenig gebauchpinselt über so viel Zuneigung, erkannte aber schon bald, dass Freud sein taktisches Spiel auch mit ihm spielte. Schon 1909 – auf der gemeinsamen Dampferfahrt in die USA hatte es erheblichen Dissens zwischen Freud und Jung gegeben. Jungs Erweiterung des Unbewussten in Richtung einer ererbten Kategorie schmeckte ihm gar nicht. Gegen die heftige Auseinandersetzung mit Adler wirkte die Zurückhaltung Jungs zu diesem Zeitpunkt aber noch harmlos.

Freud brachte weitere verleumderische Gerüchte in Umlauf. So schrieb er an Jones: ...“ich habe die Krise reifen lassen. Es ist die Revolte eines abnormalen, vor Ehrgeiz wahnsinnigen Individuums, und sein Einfluss auf andere hängt von seinem starken Terrorismus und Sadismus ab“ (Gay, S.254), worauf Adler konterte, dass Freud plane, an ihm eine „unsinnige Kastration“ (ebenda, S.255)) durchzuführen.

In diesem vergifteten Klima kam es 1911 zur Trennung der beiden Kontrahenten: Adler gründete – ebenfalls eine Provokation – den „Verein für freie psychoanalytische Forschung“. Die beiden Lager teilten sich, wobei die Mehrheit bei Freud blieb. Freud zynisch: Nur „ein paar ziemlich nutzlose Mitglieder“ (8) werden Adlers Rücktritt nacheifern. Lediglich Stekel, Gründungsmitglied von 1902, pendelte zwischen den feindlichen Lagern, worauf Freud ihn als einen „im Sold des Adlerismus stehenden Prediger“ (Gay, S. 265) beschimpfte.

Wir können uns vorstellen, welche Gefühle des Machtkampfes und der Rache in den beiden Protagonisten nun zur Wirkung kamen. Adler schrieb in Windeseile sein bedeutendstes Werk „Über den nervösen Charakter“ und schuf in wenigen Monaten ein neues psychologisches Gebäude, das er bald „Individualpsychologie“ nannte. Dass in einer solch erbitterten Gegnerschaft, die gemeinsamen Pfade der neuen Erkenntnisse teilweise verlassen werden mussten, ist psychodynamisch gesehen fast zwingend. Und dass es dabei im Rahmen der gegenseitigen Abgrenzungen zu Vereinseitigungen des Denkens kam, ist psycho-logisch: Was der Gegner schrieb oder vortrug, musste bekämpft, ausgelassen oder verfremdet werden.

Der geschmeichelte lachende – später weinende – Dritte in Zürich durchschaute bald die List seines allmächtigen Wiener Vorbildes. Eine solch brisante Triangulation (zwischen Freud, Adler und Jung) musste zu gravierenden Verwerfungen innerhalb des neuen Forschungsgebietes führen. In der gegenseitigen Abgrenzung voneinander musste es zu Schieflagen innerhalb der Theorien kommen. Adler provozierte weiter, wo er nur konnte und nutzte dabei sein Talent, menschlich kontaktend seine Beziehungsfäden zu knüpfen. Freud, der elitär-überhebliche Taktiker setzte wilde Gerüchte über Adlers Geisteszustand in die Welt. Adler könne nicht in seinem Schatten stehen (was sicherlich z.T. stimmte). Adler, der Gekränkte, konterte, dass er sich nicht zu einem Komplizen aller Absurditäten des Freudianismus machen lassen wolle.

Und Jung? 1914 trennte er sich verbittert und enttäuscht von Freud. Als sensibler Introvertierter zog er sich zurück und fiel erst einmal für Jahre in eine tiefe Depression, aus der er sich – nach einem kathartischen Prozess der Selbstreinigung - wie Phönix aus der Asche erhob: mit seinem entscheidend weiter entwickelten Konzept der „Komplexen Psychologie“. Im Zentrum dieses Konzeptes stand – quasi als sein Markenzeichen – das, was Freud ihm vergällen wollte: Das Kollektive Unbewusste.

Adler verwirklichte seine humanistische Sozialpsychologie, die er ja schon in seinen frühen Werken – vor allem in seinem Artikel „der Arzt als Erzieher“(9) – niedergeschrieben hatte. Seine Hinwendung zur Erziehung von Eltern und Lehrern wurde ihm später von Vertretern der Gegenseite (besonders von Freud) als oberflächlich anziehende Lehre ausgelegt – als „eine Ichpsychologie, durch die Kenntnisse der Unbewusstenpsychologie vertieft“(10).

Freuds ausufernder Tiefgang, seine Verliebtheit in außergewöhnliche Ideen, verliehen seiner Theorie immer mehr den Rang einer elitären Absonderlichkeit. Insbesondere sein Beharren auf der Allmacht des Ödipuskonfliktes für die seelische Entwicklung und die Entwicklung der Neurose machte es vielen unmöglich, ihm zu folgen.

Und Jungs Abwanderung in die Tiefen der archaischen Betrachtungen, der Mythen und Märchen, der Symbole, der Alchemie, der Archetypen machte ihn zum schillernden Literaten. Seine Hinwendung zum Nationalsozialismus, seine Abgrenzung einer „jüdischen Seele“ von einer „germanischen“ (mit einem Archetyp des „Wotan“) machten ihn für viele Psychologen völlig unattraktiv. Und dass er nach dem II. Weltkrieg nicht mehr zu seinen Entgleisungen sagte, als: „Ich bin ausgerutscht“(11), lassen starke Zweifel an seiner Wertewelt zu.

Adler, der Sozialist, immer getrieben von seiner russischen Frau Raissa, die eine energische Position für die Trotzkisten einnahm, distanzierte sich 1918 von der bolschewistischen Bewegung. Die selbstbewusste und starke Frau an seiner Seite gab seinem individualpsychologischen Konzept mehr sozialistische Färbung, als ihm zuweilen lieb war. Sein Konzept des Gemeinschaftsgefühls war Ausdruck seiner frühen kämpferischen Stellungnahme gegen die Auswirkungen des Kapitalismus. Sein engagiertes Eintreten für die Gleichberechtigung der Geschlechter war mitgetragen vom kämpferischen Einsatz seiner Frau. Adler musste immer wieder korrigierend neu Stellung zu den sozialistischen Strömungen beziehen und verlor dabei treue Freunde wie z.B. Manès Sperber (12). Er verließ die akademisch gefärbte Tiefenpsychologie Freuds und musste sich eines Arsenals neuer Begrifflichkeiten bedienen – was seine Psychologie nicht verständlicher machte.

Jung musste das von Freud verpönte Kollektive Unbewusste (über)betonen, damit es Bestand gegen Freuds allmächtiger Psychoanalyse haben konnte. Freud musste sich absichernd durchlavieren und immer aufpassen, dass gute, neue Gedanken seiner Kontrahenten in neuem Gewande in seine Theorie einbezogen werden konnten, ohne auf den ungeliebten Ursprung hinweisen zu müssen.

Ansbacher, Frankl, Maslow, Rogers, Künkel, Moreno (eigentlich Jakob Levi), Rank – um nur einige zu nennen – mussten im Dunstkreis der Großen ihre eigenen Theorien entwickeln, in denen Grundgedanken der Theorien der drei Meister auf neue Weise verbunden und weiterentwickelt wurden.

Auch SYNCHRONIZING®, das psychodynamische Konzept von Markus Jensch und seinen Kolleg*innen, bedient sich vieler verschiedener Theorieteile dieser großen Tiefenpsychologen – wobei der Schwerpunkt auf der individualpsychologischen Theorie Alfred Adlers liegt. Dies kann jedoch nicht bedeuten, dass wesentliche Gedanken der Theorien Freuds, Jungs oder der sog. Humanistischen Psychologen unberücksichtigt bleiben. Auch wesentliche Erkenntnisse der kognitiven Verhaltenstherapie sind in das SYNCHRONIZING®-Konzept eingearbeitet und ergänzen die Tiefenpsychologie dort, wo sie noch schwach entwickelt ist.

Versuch einer „Abbildung“ der Rollen Freuds und Adlers im psychodynamischen Strukturmodell SYNCHRONIZING®:

Im psychodynamischen Strukturmodell SYNCHRONIZING® nimmt Freud in der anfänglichen Zusammenarbeit mit Adler die Rolle des analytischen Querdenkers
und abwägenden Entscheiders ein – wechselnd zwischen den Positionen 2, 1 und 4 (vergleiche Abbildung 1). Er ist eher selbständig und zurückhaltend als kooperativ und zugewandt. Er ist der erstgeborene Streber, der Einser-Kandidat, der Taktierer. Freud ist primär auf seinen Vorteil bedacht – ein Egozentriker mit wissenschaftlichen Ambitionen: Sein Fernziel ist schon früh: weltberühmt zu werden. Als selbstgefälliger Narzisst nutzt er Kontakte überwiegend zu seinem persönlichen Fortkommen. Loyalität verlangt er vor allem von anderen.
Im Verhältnis zu seiner Frau Martha nimmt er noch mehr die Position 1 im Strukturmodell ein. Sie ist ihm - als liebevolle und tüchtige Hausfrau - voll ergeben: aufopfernd und unterwürfig - die klassische Position 8 im gelben bis roten Bereich, was für sie – wie auch für Freud – jedoch völlig normal ist.

Adler nimmt Freud gegenüber vor allem die Rolle des Ideengebers und Anregers ein (vergleiche Abbildung 1). Seine begeisternde Art wirkt belebend, seine Ideen befruchtend. Er gibt sich Freud gegenüber lösungsorientiert und zuarbeitend. Freud lenkt ihn durch seine bestimmende Autorität zunächst in die Dimension des Kompromisses, die jedoch nicht ganz seiner wahren Natur entspricht: Adler ist vor allem in beruflicher Hinsicht auch ein Kämpfer-Typ, der jedoch nach Robin-Hood- Manier für die Rechte der Schwachen eintritt. Dann ist er ein Einser der integrierenden Art und ein Dreier, der andere (vom Guten) überzeugen möchte und dazu seine Kontaktfähigkeit voll ausnutzt. Als „Netzwerker“ tritt er nicht nur Vereinen bei, sondern gründet sie auch nach aktuellem Bedarf. Er wendet sich stets anderen zu, bietet seine Kooperation an und erwartet von anderen, dass sie mit offenem Visier agieren.

 

Abb.1: Beziehungsdynamik zwischen Adler und Freud im „Grünen Bereich“

Im Verhältnis zu seiner Frau Raissa nimmt Adler eher die Positionen 7 und 8 ein. Die russische Trotzkistin und Feministin zeigt Stärke und Biss, fordert Adlers Unterstützung und nötigt ihm ihre Themen auf. Dass Adler mit Trotzki im Wiener Kaffee Schach spielt, dürfte eher als Loyalitätsbeweis seiner Frau gegenüber gelten denn als sein aktives Bekenntnis zur extremen politischen Linken. Raissa gegenüber ist er voller Rücksicht, arbeitet ihr zu, wo er kann, fühlt sich ein in ihre Bedarfe und sucht aktiv nach Lösungen. Er bleibt aber immer im grünen Bereich dieser Positionen. Raissa besetzt eine – für diese Zeit ungewöhnliche – Führungsrolle. Sie diskutiert mit den großen russischen Exilanten, die von Wien aus die Fäden der bevorstehenden Revolution ziehen. Selbst in Adlers „Verein für freie Psychoanalytische Forschung“ diskutiert sie kräftig mit und übernimmt die Rolle der Protokollführerin – während Martha Freud der Mittwochabendrunde Kaffee und Rauchwerk kredenzt und sich dezent wieder zurück zieht.

Wie verändern sich die Rollen der beiden ungleichen Männer unter Druck und Stress? (vergleiche Abbildung 2)

Adler wird kämpferisch: Er fährt auf der Durchsetzungsachse voll in die Komplementär-Position und wird zum Dreier mit Einser-Qualitäten – im Bereich gelb-rot. In bekehrender Manier drängt er sich nach vorn. Seine integrativen Fähigkeiten nehmen nötigende Züge an (1 Rot). Mit der provokanten Überrumpelungsart hat er bei dem taktisch versierteren Freud keinen Erfolg, was sein Überlegenheitsstreben weiter mobilisiert. Trotzig versucht er mit seinen überzeugenden Redner-Qualitäten die unentschlossenen Dritten für sich zu gewinnen – was ihm zunächst nur teilweise gelingt.

 

 

Abb.2: Beziehungsdynamik zwischen Adler und Freud unter Druck und Stress („Gelb-Roter Bereich“

Freud verlässt sich auf seine taktischen Fähigkeiten: Er wartet ab und schweigt, um schließlich „interessiert tuend“ seine Geschütze gegen Adler in Stellung zu bringen. Es setzt Gerüchte in die Welt, lässt andere für sich ins Gefecht gehen um schließlich Adler bloßzustellen und zu erniedrigen. Er schafft Tatsachen und heuchelt dann Kooperation – wie ein Politiker der gehobenen Klasse. Als begabter Analytiker und brillanter Schriftsteller ist er beim Fallenstellen und Fintieren Adler haushoch überlegen.

* vor 100 Jahren galten Ideale wie Aggressivität, Ehrgeiz, Durchsetzungswille als „männlich“ und stark. Weibliche Eigenschaften dagegen – wie Anteilnahme, Fügsamkeit, Anpassung – galten als schwach. Wenn sich jemand schwach fühlt, verkehren sich seine Verhaltensmuster unter Druck ins Gegenteil: Dem gefühlten Untensein (weiblich) wird das fiktive Ziel des Obenseins (männlich) entgegen gesetzt. Adler sprach vom „männlichen Protest“ – einer kämpferischen Antithetik der weiblichen und männlichen Züge. Auf einer gereiften Stufe des Erwachsenwerdens kann die einseitige Wertung aufgegeben werden. Die Begriffspaare männlich & weiblich, stark & schwach können entkoppelt werden. Das später von Adler genutzte Begriffspaar „Minderwertigkeitsgefühl & Überlegenheitsstreben“ ist völlig losgelöst von der Dimension männlich-weiblich.

In einem weiteren provokanten Vortrag vom 1. Februar 1911 postulierte Adler in Anwesenheit Freuds den „männlichen Protest“ als Kernproblem der Neurose. Er sei Ausdruck des Strebens nach Macht und Herrschaft. Die Entwertung der Frau, des Weiblichen, führe zum männlichen Protest.

In diesem Sinne sei der „männliche Protest“ die Folge des Minderwertigkeitsgefühls. Und der Ödipuskonflikt sei nur eine Teilerscheinung des „männlichen Protests“. Diese Kampfansage war der (gewünschte?) Knockout für Adler in Freuds Mittwochabendgesellschaft.

Literatur:

(1): New York Herald, am 17. März 1929


(2): Adler, A.: Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe, Berlin, Heymanns, 1898


(3): Adler, A.: Über den nervösen Charakter, Wiesbaden: Bergmann, 1912


(4): Adler, A.: Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes, Monatshefte Pädagogische Schulpolitik, 1, 1908 (in Heilen und Bilden. Fischer, 1973)


(5): Adler, A.: unter dem Pseudonym Aladin in der Arbeiterzeitung, Wien, 16. Februar, 1902

(6): Gay, P.: Freud, Eine Biografie für unsere Zeit, Fischer, Frankfurt, 1995, S.250


(7): McGuire,W und W. Sauerländer: Sigmund Freud/C.G .Jung Briefwechsel, Fischer, Frankfurt, 1991, S. 142


(8): Lieberman, E.: Acts of Will: The Life and Work of Otto Rank, N.Y.Free Press, 1985, S.126

(9): Adler, A.: Der Arzt als Erzieher, Wien, Ärztliche Standeszeitung, 3(18), 1904


(10): Nunberg, H. und E. Federn: Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, Band III,S. 145, Fischer, Frankfurt, 1975


(11): Jacoby, M.: Antisemitismus – ein ewiges Schattenthema. Anal.Psychol. 23, S.25

(12): Sperber, M.: Alfred Adler oder Das Elend der Psychologie, Ullstein, Frankfurt, 1983

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© 2008/2019 Dr. Markus Jensch, SYNCHRONIZING®-Institut, Köln

 

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