Gedanken zur „ICH“-Entwicklung

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Die Entwicklung eines stabilen, flexiblen „ICHs“  gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Persönlichkeitsentfaltung.

 Das FREUDsche Persönlichkeitsmodell hat mit der Darstellung des „Seelischen Apparates“ eine hervorragende Möglichkeit gefunden, die ICH-Entwicklung im Rahmen einer Form gebenden Dynamik zwischen ES und ÜBER-ICH optisch vorstellbar zu machen: Stellt man sich das ES in Form eines schweren Amboss vor, auf dem das noch kleine, zarte ICH vom Hammer des ÜBER-ICH geschmiedet wird, so erzeugen diese Vorstellungen die unterschiedlichsten Assoziationen.

Stellen wir uns einen sehr ambitionierten, schweren, allgegenwärtigen ÜBER-ICH-Hammer vor, der das ICH in eine „passende“ Form bringen möchte, so können wir uns das ICH-Produkt am Ende gut vorstellen: platt geklopft, verbeult, gespalten, mickrig oder einfach nur missgeformt. Ist die ÜBER-ICH-Instanz selbst nur schwach ausgeprägt – wir stellen uns ein winziges Hämmerchen vor – so kann das ICH kaum in eine sozial angemessene Form gebracht werden. Der Einfluss des gewaltigen ES-Amboss überflutet das ICH mit seinen ungestümen Kräften der Triebhaftigkeit. So wächst dann ein ICH heran, das sich der Wucht des Verlangens kaum erwehren kann – es am Ende gar nicht will.

Im günstigen Falle kann sich das ICH zwischen einem nährenden ES und einem gewährenden, schützenden ÜBER-ICH prächtig entfalten und stark und unabhängig werden. Ich habe (an anderem Ort) mehrere Versionen der optischen Darstellung vorgeschlagen, um die unterschiedlichen Formfindungen aufzuzeigen.

Das ICH – nach dieser FREUDschen Vorstellung – ist ein Gebilde, das sich zwischen den formenden Druckpressen der beiden äußeren Instanzen als Produkt ergibt. Es ist eher gestaltet als gestaltend.

Wie sieht das nun in der Individualpsychologie (IP) ADLERs aus? In dieser „Schule“ gibt es keinen „Seelischen Apparat“, keine physisch vorstellbaren Instanzen, die – wie eigenständige Wesen – Krieg miteinander führen oder eben in einem harmonischen Miteinander leben. Gibt es die im FREUDschen Modell so anschaulich darstellbaren Dynamiken in der IP nicht? Oder müssen wir sie mit den dort beschriebenen Kraftfeldern anders erklären?

In der IP kennen wir die beiden Kraftfelder, die wir „Kausalität“ und „Finalität“ nennen. In der Gegenwart zwischen diesen Feldern findet die Gestaltgebung der Persönlichkeit statt – immer flankiert von der Vergangenheit und der Zukunft. Zwischen den kausalen („gestern“) und den finalen („morgen“) Kraftfeldern sucht das ICH („heute“) seine beste Form. So passt es sich den Anforderungen seiner Umgebung an, indem es im günstigen Fall sehr flexibel agiert und reagiert.

Die kausalen Kräfte setzen sich zusammen aus den genetischen Strukturen, die sich entfalten wollen und aus den Einflüssen des Umfeldes, die auf das Individuum unentwegt einprasseln. Die genetischen Strukturen sind nichts anderes als „Protein gewordene“ Umwelteinflüsse der vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende.

Im Wirrwarr der Einflüsse gibt sich das Individuum eine unverwechselbare, einmalige Struktur, die wir „Lebensstil“ nennen. Die Formgebungen des Lebensstils folgen einer Zielsetzung, die uns Antrieb und Richtung gibt. Das ICH in der IP ist ein sich selbst organisierendes (autopoietisches) Produkt einer fortwährenden Entscheidungskette. Das ICH ist Bauherr und Architekt seiner Struktur in einem. Es ist agierend und reagierend – niemals nur reagierend, niemals nur Opfer der Umstände.

Wenn wir nun beide – FREUDsche und ADLERsche – Modellvorstellungen miteinander vergleichen, so können wir festhalten:

Nach dem Instanzenmodell (FREUD) wird das ICH – also der Kern der verantwortlich handelnden Persönlichkeit – zwischen den beiden Kraftpolen ES und ÜBER-ICH geformt. Das Produkt ist in einer bedingenden (kausalen) Zangenbewegung herangewachsen – gefördert, gebremst, geliebt, genötigt, bedroht, vergöttert… Das ICH repräsentiert später alle drei Instanzen in sich, wird dadurch zum SELBST. Je nach Charaktertypus, den es später darstellt, ist es trieblastig oder kontrolliert oder beides – auch im Wechsel. Das ehemalige Außen ist zum Innen geworden. Die Instanzen haben Repräsentanzen im SELBST gefunden (das SELBST entspricht – grob gesagt – dem ausgeformten ICH).

Nach dem ganzheitlichen Modell (ADLER) formt sich das ICH selbst, trifft immer selber Entscheidungen, organisiert seine Vergangenheit (seine individuelle Kausalität) und seine Zukunft (seine individuelle Finalität). Die unmündige Unstrukturiertheit der jungen Seele macht die Formfindung, Formgebung, und Formfixierung zur wichtigsten Aufgabe der ersten Lebensjahre. Der Drang, eine gute, erfolgreiche Grundform des Seelischen auf- und auszubauen, ist angeboren. Insofern verläuft nach Vorstellung der IP die Persönlichkeitswerdung nicht nach dem Reiz-Reaktionsschema der behavioristischen Theorie. Alles Lebendige strebt von sich aus – von innen heraus – variablen Zielen entgegen. Je höher – und damit unerreichbarer – die Ziele vom Individuum gesteckt werden – umso größer wird der Druck, den die Ziele selbst auf das ICH ausüben. Aus dem Voranstreben wird dann ein „Nach-Oben-Streben“.  Die Zielvorstellung kann dann zur Last (zur Bürde) werden, die mit eigenen Kräften nicht mehr gestemmt werden kann. Aus der leichtgängigen horizontalen Bewegung (von gestern nach morgen) ist dann eine schwergängige vertikale Bewegung geworden (von unten nach oben).

Das ICH in der IP ist eine ewig suchende Gestalt (oder Ganzheit), die sich – bei positiver Entwicklung – sowohl den Erfordernissen der Gemeinschaft als auch den eigenen Bedürfnissen anpassen kann. Der Nutzen dieser Vorstellung liegt vor allem darin, dass sich dieses ICH aus sich heraus steuern – also auch umsteuern – kann.

Nachtrag:

Für die Psychoanalyse ist die Beherrschbarkeit (Kultivierung) der Triebe gleichbedeutend mit der ICH-Werdung: Wo ES war, soll ICH werden (Freud).

Für die IP ist die ICH-Werdung gleichbedeutend mit der Ausbildung des Gemeinschaftsgefühls – des social interest.

Für SYNCHRONIZING bedeutet ICH-Werdung in den ersten drei Jahren:

  • Schrittweise Lösung des Säuglings aus der Verschmelzung mit der Mutter, denn in den ersten Lebensmonaten nimmt das Baby die Mutter als Teil von sich selbst wahr.
  • Erleben von Unabhängigkeit (später: Freiheit) im zweiten Lebensjahr. Und: Beiträge leisten als Schlüsselqualifikation der ICH-Entwicklung in der Gemeinschaft.
  • Erleben von Selbstwirksamkeit im Umgang mit Dominanz und Kompromiss im dritten Lebensjahr.

 

Aus anfänglich „Diffusem“ wird Schritt für Schritt klare Struktur. So erfolgt die Binnendifferenzierung hin zu Positionen und Rollen in diversen Gemeinschaften (Familie, Kita, Schule, Arbeit, Gesellschaft…). Mit der präzisen Einschätzbarkeit solcher Rollen und Positionen in unterschiedlichen sozialen Gebilden gewinnt das ICH an Stabilität. Das ICH hat sich zum berechenbaren, stabilen SELBST entwickelt.

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