Ess-Sucht – der Sog-Druck-Mechanismus oder: wenn aus Sog SUCHT wird.

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Marco Falk, Markus Jensch

Bei der Darstellung und Beschreibung des Sucht-Verhaltens haben wir bisher unterschiedliche Wirkmechanismen im Rahmen der Psycho-Dynamik beschrieben. So haben wir z.B. die Beziehung zwischen ANGST und SUCHT in das psychodynamische Strukturmodell SYNCHRONIZING® derart eingebaut, dass es – analog der ADLERschen Formel vom Zusammenhang zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Überlegenheitsstreben – die Entstehung von süchtigem Verhalten nachvollziehbar  zu erklären imstand ist. Als Vorstufe des süchtigen Verhaltens haben wir das Streben nach (kompensatorischer) MACHT bezeichnet – ein Streben, das jedoch bei den meisten Kompensationsversuchen fehlschlägt bzw. nicht greift. Das Abgleiten in die SUCHT beschreibt den verzweifelten Versuch, das ferne Ziel der Machterlangung doch noch zu erreichen. Allerdings gelingt der Machtgewinn dann nur auf fiktivem Weg – nämlich über die Abkopplung von der direkten Kompensation des Minderwertigkeitsgefühls.

Der amerikanische Psychologe Gordon Allport spricht in diesem Zusammenhang von der „funktionellen Autonomie“ der Motive, mit der er u.a. die Abspaltung (vom ursprünglichen Motiv) des Strebens nach Überwindung der ANGST beschreibt. Ein Verhalten – wie z.B. süchtiges Trinken – kann sich mit diesem Mechanismus vom alten Trinkanlass total ablösen und dadurch funktionell unabhängig (autonom) werden. Ein Trinker, der vor Jahren immer wieder aus Eifersucht zur Flasche griff, kann eines Tages völlig losgelöst von dem alten Trinkmotiv einer wirkmächtigen SUCHT verfallen: die Eifersucht ist verblasst, die Sucht ist geblieben bzw. hinzu getreten.

Und vor der Eifersucht war in der Biographie des (später) Abhängigen vielleicht eine Episode der Zurückweisung oder Verwöhnung in der frühen Kindheit. Im Rahmen einer Langzeitpsychotherapie – besonders nach FREUD oder JUNG – wird das Auffinden und Bearbeiten (Durcharbeiten) der „traumatischen Erlebnisse“ einen beträchtlichen Teil der Sitzungen in Anspruch nehmen. Auch nach ADLER kann eine umfangreiche Bearbeitung frühkindlicher Störungen wichtig für die Bearbeitung aktueller Probleme sein.

In einem tiefenpsychologisch fundierten Coaching wird man jedoch wenig Zeit für ein regressives Eintauchen in die ersten Lebensjahre haben. Im Grunde geht es beim Coaching ja im Besonderen darum, die Struktur der eigenen lebensstiltypischen Konfliktbewältigungsmechanismen aus dem Angebot projektiver Materialien heraus zu scannen und dem Klienten deutlich zu machen. Das hartnäckige Symptom (hier besonders die Sucht) ist – wie oben beschrieben – ein unabhängig gewordener Verhaltens-, Denk- und Fühl-Komplex, der auch unabhängig vom frühkindlichen Geschehen heute seine zielsteuernde Wirkung ausübt, ohne dass sich der Symptomträger darüber bewusst ist. Den „Sinn des Symptoms“ (seinen Nutzen für den Symptomträger!) herauszudestillieren und bewusst zu machen ist die Aufgabe eines kurzen Coachings.

Im Sommer 2017 bekam ich von meinem Sohn, Marco Falk, im Rahmen einer Diskussion den Hinweis auf ein psychodynamisches Kräftepaar, das zwischen ANGST und SUCHT zur Wirkung gelangt. Mit dieser neuen „Mechanik“ könnte dem ess-süchtigen Verhalten ein besseres Erklärungsmodell zugrunde gelegt werden, als es über das Streben nach MACHT bisher möglich war. In meinen jahrzehntelangen Arbeiten zum Thema SUCHT-Entwicklung bei Alkoholabhängigkeit war ich immer wieder auf den ANGST-MACHT-SUCHT-Mechanismus gestoßen, den ich bei meinen Vorträgen im In- und Ausland vorgestellt habe. Das Machtstreben als Kompensation der ANGST lässt sich beim süchtigen Essen nicht so überzeugend darstellen wie beim süchtigen Trinken.

Das Kräftepaar, das Marco Falk mir präsentierte, war eine Kopplung aus SOG und DRUCK. Wir möchten in diesem Beitrag versuchen, das Prinzip des SOG-DRUCK-Mechanismus zu erläutern und bedienen uns dazu der Analogie eines Motors (hier des älteren Saugmotors). Was wir erreichen möchten, ist die modellhafte Darstellung eines logisch nachvollziehbaren Ablaufs der Entstehung von süchtigem Essen sowie anderer süchtiger Verhaltensweisen, die mit der SOG-Analogie leichter erklärbar sind als mit der MACHT-Analogie. Vielleicht gibt es ja auch beide Mechanismen in einer verknüpften Variante…

Wenn wir uns das Prinzip eines Motors anschauen, dann stellen wir fest, dass die Bewegung der Motorteile durch die fortwährende Kraftentfaltung eines angesaugten Gasgemisches erfolgt: das Gemisch explodiert kontrolliert. Der Kolben bewegt sich mit Kraft in eine Richtung. Gleichzeitig erzeugt der Kolben einen Unterdruck in der Brennkammer, der neues Gasgemisch einsaugt. Der rückkehrende Kolben verdichtet das Gasgemisch, das dann wieder gezündet wird – usw.

Auch wir Menschen werden durch alternierendes Saugen und Drücken am Leben erhalten. Die Nahrung aus der Mutterbrust wird eingesaugt. Die Verbrennung findet in der körperlichen „Brennkammer“ statt. Das Verdauungs-System stellt dem Körper Kraft zur Verfügung und scheidet die ver“brannte“ Nahrung aus. Es entsteht (im Magen-Darm-Trakt) ein Unterdruck (ein Sog), der ein Verlangen nach erneuter Zufuhr (Auffüllung) von außen erzeugt. So gesehen stehen Sog und Druck in einem Antipodenverhältnis. In dem Prozess finden zwei Vorgänge statt: die Verdauung und die Entleerung.

Der Sog ist der eigentlich lebensspendende Faktor. Damit das Leben wirksam in Gang gehalten wird, hat der Schöpfer den Saugvorgang mit einem Gefühlsfaktor verknüpft, den wir Lust nennen. Die Lust ist also der intrinsische Anreizfaktor, der die Lebensvorgänge quasi „am Laufen“ hält. Und normalerweise wird die durch die Verbrennung des Angesaugten verfügbare Kraft auch in lustvolle Bewegung transformiert.

Durch diesen Vorgang des wechselnden Saugens und Drückens (Stoßens) entsteht der – überwiegend mit Lust begleitete – Rhythmus des Lebens. Stehen Sog und Druck in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander, kann die wirksame Kraftentfaltung gut gesteuert werden. In der Herstellung einer Balance der beiden Wirkfaktoren liegt die Kunst des befriedigenden Lebensvollzuges. Nicht selten wird aber aus lustvoller Entfaltung unlustvolle Frustration. Es entsteht ein Zustand der Unausgewogenheit, Unzufriedenheit – z.B. durch Hunger und Durst oder durch Verstopfung bzw. Diarrhö.

Ist die Balance nicht mehr gegeben, versucht der Körper – z.B. durch Veränderung des Saugfaktors – den Regelkreis zu beeinflussen. Die Saugregulation ist die primäre Steuerungsgröße. Da sie ganz direkt lustbesetzt ist, wird an diesem Steuerungshebel auch als Erstes manipuliert, um zu einem Gesamtausgleich zu kommen.

Im SYNCHRONIZING®-Modell haben wir drei Steuerungsmöglichkeiten, die wir in anderem Zusammenhang als „primäre Grundbedürfnisse“ beschrieben haben. Erstens: das Bedürfnis nach Zuwendung, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Sicherheit. Zweitens: das Bedürfnis nach Selbstbestimmtheit, Unabhängigkeit, Selbständigkeit und drittens das Grundbedürfnis nach Entfaltung, Durchsetzung, Verwirklichung.

Von diesen drei Grundbedürfnissen des Lebens ist das erste das Grundlegendste. Auf unsere Motor-Analogie übersetzt heißt das: Wenn kein Sprit (Nahrung) zugeführt wird, sind selbständiges Navigieren und effektive Zielerreichung (die beiden anderen Grundbedürfnisse) nicht möglich.

Jemand, der immerzu Angst hat, zu wenig Sprit zu haben (und deswegen nicht am Ziel anzukommen), wird während der Fahrt fortwährend ans Tanken denken. Bei krankhafter Entwicklung wird der Tank in kurzen Abständen gefüllt. Eventuell werden Zusatztanks eingebaut: die Sicherung der Reserve steht im Vordergrund des Fahrens. Obwohl die Erreichung des entfernten Zieles ja das eigentliche Motiv des Tankens ist, wird das Tanken selbst zum Ersatz-Ziel. Das Tanken und die dazu erforderliche Orientierung werden zum „funktionell autonomen“ Motiv des Fahrprozesses.

Das Einverleiben von „Sicherheit“ gebendem „Sprit“ wird umso zwingender, je entfernter (höher, weiter) das selbstgesteckte Ziel ist. Das Nachtanken wird zum obersten Ziel des Strebens. Die Fortbewegung selbst wird argwöhnisch beäugt: Zu viel Fahrtstrecke könnte ja zum frühen Aufbrauchen des sichernden Grundstoffes führen. Hinzu kommt gegebenenfalls die Angst, nicht am Ziel ankommen zu können, eine „Durst“-Strecke durchfahren zu müssen, eine Panne zu erleiden.

So gesehen wäre das Ziel der Sucht die Sicherung eines befriedigenden Grundzustandes bei risikoarmer Fortbewegung. Schauen wir uns einige Süchte an, so können wir leicht erkennen, dass die Sicherung von Essbarem – besonders schmackhaftem Essbarem – oder wirkungsreichem Trinkbarem oder Rauchbarem im Vordergrund des Nah-Denkens steht. Kühlschrank voll? Genügend Zigarettenvorräte da? Nahrungsvorrat möglichst immer „am Mann“ (für die kleine Pause zwischendurch). Wenn die Gedanken sich überwiegend um die Sicherung der Nah-Versorgung drehen, ist der Zustand der Sucht erreicht. Sucht wäre – so gesehen – ein übermäßig ausgeprägter Sog, der auf der ersten Stufe der Grundbedürfnisse steckengeblieben bzw. auf sie wieder regrediert ist.

Eine Heilung dieser Sucht besteht dann darin, die angstvoll-sichernde Lust des Saugens in eine Lust an der Bewegung und an der eigenständigen Erforschung der Umgebung zu transformieren. Das braucht Mut zum Risiko und Öffnung für die bisher zu kurz gekommenen Bedürfnisse nach Unabhängigkeit und Selbstentfaltung.

Mit dem SOG-DRUCK-Mechanismus könnten wir die – von FREUD beschriebene – Oralität süchtigen Verhaltens eindrucksvoll bestätigen. Auch ADLERs finalem Ansatz vom „Sinn der Sucht“ würde Genüge getan: SUCHT zu verstehen als gemeinschaftsschädigendes  „Ausbiegen“ vor der Verantwortung bzw. vor der Prüfung. Sie würde demnach anzusehen sein als ein Steckenbleiben in einer Scheinaktivität, die in Wirklichkeit nichts Anderes ist als eine mutlose Spezialform der „zögernden Attitüde“.

Nachtrag:

Saugen/Sog = schlucken, trinken, schlürfen, einverleiben, horten, ansammeln, lutschen, fressen, schlingen   – Auslebensformen des Bedürfnisses nach Sicherung, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Verwöhnung, Zuwendung. Und das alles im Unmaß.

Diese Auslebensform setzt Unzufriedenheit, Frust, Enttäuschung auf der Entfaltungsseite voraus. Das MINUS im Durchsetzen führt zum kompensatorischen PLUS im Einverleiben. Das Einverleiben lenkt ab von der Versagensangst – von der Unlust.

Wird das angesaugte Gemisch zu fett eingestellt, dann wird die Verbrennung leistungsarm: sie findet dann nur unvollkommen statt. Der Motor „säuft ab“, obwohl er sehr viel Nahrung erhält. Erst die Zuführung der richtigen Mischung führt zur optimalen Verbrennung mit weniger schädigenden Ablagerungen im  Motor.

Auch der Körper braucht die richtige Mischung an natürlichen Nahrungsmitteln. Werden die Nahrungsmittel falsch justiert, kommt es zu Fehlzündungen und schädigenden Ablagerungen.

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