Unser Lebensstil – zwischen Gebundenheit und Freiheit

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Vor einigen Tagen sah ich eine Familie – Mutter, Vater, Tochter – die vom Einkauf kommend den Kofferraum des Autos belud. Mit Mühe beugte sich der junge Vater zum Einkaufswagen runter, um die letzten Waren vom Boden hervorzuholen. Die junge Mutter stand lächelnd daneben und hielt ihre kleine Tochter (vielleicht vier Jahre alt) an der Hand. Der Vater schloss den Kofferraumdeckel und begann, den Einkaufswagen zum Standplatz zurückzuschieben. Mit seinen etwa 180 Kilo stapfte er – breitbeinig den ganzen Körper mit jedem Schritt drehend – Schritt für Schritt die etwa 50 Meter. Die Mutter – ebenfalls sehr korpulent – mühte sich, in das kleine Auto einzusteigen. Das kleine Mädchen – auffallend pummelig – lief zum Papierkorb, um die Hülle eines Schokoriegels dort einzuwerfen.

Ich musste unwillkürlich an die Aussage denken, die wir Individualpsychologen in fester Überzeugung von uns geben: „Wir Menschen sind freie, selbst entscheidende Wesen. Wir sind Architekt und Bauherr unseres Hauses“. Ich dachte an das kleine Mädchen: Welche Chance würde es haben, einmal nicht dick zu werden? Die systematische Fehlernährung, die ihm Tag für Tag vorgelebt wird, schränkt seine Entscheidungsfähigkeit stark ein und besteht schließlich in der Freiheit, zwischen Mars und Snickers wählen zu können. Die Wahlfreiheit zwischen gesunder oder krankmachender Ernährung hat das Kind zunächst nicht – es sei denn, es findet in der Kita eine verantwortungsvolle Erzieherin. Wird es aber bis zur Einschulung zu Hause (v)erzogen, ist mit den schwerwiegenden (in der Tat) Folgen der Fehlernährung sicher zu rechnen.

Wo liegt bezüglich der Entwicklung des Menschen der vielbeschworene Unterschied zwischen der individualpsychologischen und der behavioristischen Auffassung? Die Behavioristen behaupten, dass wir Menschen das Produkt der Einflüsse sind, die auf uns einwirken. Wie ein Ping-Pong-Ball landen wir demnach schließlich dort, wohin uns die (Tischtennis)Schläger gelenkt haben. Die Individualpsychologie sagt, wir haben treibende Kräfte in uns und ziehen uns zu den Zielen hin, die wir beschlossen haben, zu erreichen.

Wenn ich an das kleine Mädchen denke, kommen mir Zweifel an der IP-Theorie. Was die Ernährung angeht, hat das Kind fast keine Chance auf Selbstbestimmung – höchstens darauf, welche Art der Fehlernährung es wählt und welche Menge davon – also die Wahl zwischen „Pest und Cholera“. Ich bin fest davon überzeugt, dass das kleine Mädchen in vielen anderen Bereichen seines Lebens mehr Spielräume hat, sich zu entscheiden. Es gibt aber Bereiche des Lebens, in denen die Vorgaben so zwingend sind, dass von echter Wahlmöglichkeit kaum gesprochen werden kann.

In frühen Jahren – den entscheidenden für die Lebensstilentwicklung – ist die Wahlmöglichkeit vielfach eher eine Fiktion. Das kleine Mädchen wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dick werden. Die gesundheitlichen Spätfolgen werden von außen schon früh angelegt. Wir können nun behaupten, es konditioniere sich selbst. Die Behavioristen würden behaupten, es sei fremd-konditioniert. Beide Auffassungen sind plausibel – wobei ich beim Kleinkind den Außeneinfluss als überaus eindrucksvoll erlebe und die Möglichkeit zur Selbststeuerung in vielen Fällen /Bereichen als eher gering einschätze. Mit zunehmender Entwicklung des „Selbst“ kann der Einfluss der Selbststeuerung größer werden. Leider haben wir zu diesem Zeitpunkt aber den Lebensstil – das Grundmuster des Verhaltens – bereits stark fixiert.

In einem Vortrag habe ich die Geschichte über einen Elefanten gehört. Er war mit einem dünnen Seil angebunden. Ein Junge fragte seinen Vater: „Warum reißt der sich nicht einfach los? Der ist doch stark!“ Der Vater: „Weil er als kleiner Elefant mit einer festen Kette angebunden war. Und nun ist er der Überzeugung, dass er sich nicht losreißen kann. Also reicht das dünne Seil völlig aus!“

Die Behavioristen meinen, dass der Mensch am Seil seiner frühen Prägung festhängt und von außen neu geprägt werden muss, damit er einsehen kann, welche Möglichkeiten er heute hat. Die IPler meinen, dass der Mensch zwar auf dem Pfad seiner frühen Lebensgestaltung – dem Lebensstil – wandelt, dass er aber selbst entscheiden kann, aus dieser alten Fahrspur heraus zu treten. Das IP-Konzept geht also von einer Selbst-Konditionierung zu neuen Mustern aus – wobei eine professionelle Begleitung beschleunigend beitragen kann. Das verhaltenspsychologische Konzept geht davon aus, dass der Mensch von außen entsprechende Impulse benötigt, um zu neuen Mustern des Verhaltens zu gelangen: Es handelt sich dabei also um eine „Fremd-Konditionierung“.

Die grenzenlose Freiheit ist eine Fiktion – wie die für Amerika typische Vorstellung, dass jeder den Schritt vom Tellerwäscher zum Millionär packen kann. Es ist ebenso eine Fiktion, dass jeder einen Sechser mit Zusatzzahl im Lotto gewinnen kann. „Im Prinzip ja“ – wie Radio Eriwan vermeldet: Aber die Chance beträgt trotzdem nur eins zu zig Millionen pro Spieltag. So gibt es sicherlich in den USA auch 0,001 Prozent ehemals Teller waschender Millionäre. Die Verallgemeinerung bleibt aber eine Fiktion.

Ich habe mich für die Fiktion der Wahlfreiheit entschieden, und das macht meinen therapeutischen Optimismus aus. Im Falle des kleinen Mädchens wurde mir aber deutlich, wie illusionär diese Fiktion in vielerlei Hinsicht doch ist. Andererseits weiß ich aus meiner therapeutischen Erfahrung, dass ein zweites Kind in dieser Familie sich die Freiheit nehmen könnte, an der „Essensfront“ zum Angriff zu blasen, um sich z.B. als „schlechter Esser“ komplementär in Szene zu setzen. Das würde dann eindrucksvoll belegen, dass der familiäre Essstil sich nicht zwangsläufig durchsetzen müsste. Andererseits müsste man im Falle der Komplementarität den Essstil ebenso als konditionierend ansehen – denn die scheinbare Freiheit wäre ja letztlich ebenfalls aus der einengenden Essgeschichte heraus entstanden.

Wir sehen: Die alte Stimulus-Response-Theorie der Behavioristen hat ihre Berechtigung und ihre begrenzte Geltung. Die individualpsychologische Entscheidungs-Theorie hat für mich jedoch den übergeordneten „Charme“, bietet sie doch die gedankliche Möglichkeit, sich aus einengenden Fesseln befreien zu können – ganz gleich ob die Fesseln von außen angelegt wurden, oder ob man sich selbst festgebunden hat.

 

Und ich bin davon überzeugt, dass sich der locker angebundene Elefant im Falle einer Krise losreißen würde. Auch wir Menschen brauchen meist erst eine Krise, um uns aus bisher fest eingefahrenen Spuren herauslösen zu können.

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